Nicht einfach nur Durchhalten!

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Nicht einfach nur Durchhalten!
Gewohntes ablegen ist immer auch ein Sprung über den eigenen Tellerrand. Foto: Pat Peroni.

Ein Fastenexperiment brachte mir eine Erkenntnis fürs Leben – auf eine Weise, wie ich es nie erwartet hätte. So überwand ich einen guten alten Glaubenssatz.

Es war ein abrupter Entschluss, der mich da ereilte. Ich wollte mich gerade schlafen legen. Mein Geist war allerdings noch munter und so starrte ich sinnierend zur Decke. Plötzlich kam mir: Ich will fasten! Ab sofort. Es schien mir auf einmal sonnenklar. Dass mich mein schon länger begleitendes Bedürfnis, mich körperlich und geistig zu reinigen so plötzlich überkommen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber es war wohl genau der richtige Zeitpunkt. Ich fühlte mich stark und entschlossen.

Ich startete also mit dem Fasten vor dem Einschlafen (praktisch: sieben bis acht Stunden hatte ich also schon mal im Schlaf geschafft!). Ohne jegliche Vor-Recherche zum Fasten – was sich in dem Fall ausnahmsweise als sinnvoll für mich herausstellen sollte – machte ich drauflos: Nur eine Karaffe voller klarem Wasser! Das ging genau bis zum nächsten Tag gut, dann wurde ich sehr schwach, müde und duselig.

Es kamen die ersten Zweifel und Unsicherheiten an meinem Unterfangen. Vernunftmäßig wurde mir klar, dass ich das Ganze ziemlich falsch angegangen war. Aber ich wollte nicht aufgeben und versuchte mich zum Durchhalten zu motivieren.

So lange, bis ich mich fragte, ob ich mir nicht doch etwas Tee mit Honig und eine klare Suppe am Tag gönnen dürfte … Schon packte mich das schlechte Gewissen. Etwas in mir wollte an dem Plan festhalten, den ich mir auferlegt hatte. Der innere Konflikt war perfekt. Wenn ich mir jetzt Zugeständnisse machen würde, suggerierte mir eine Stimme, wäre das nur eine halbe Sache und ich hätte nicht durchgehalten.

Wie ich so dahinsiechte, empfand ich es als immer weniger sinnvoll, den ganzen Tag schwach zu sein. Denn mir ging es ja vor allem um geistige Reinigung. So fing ich an mir innerlich zu erlauben, mich bei dem Ganzen auch einigermaßen gut fühlen zur dürfen – und alles notfalls abzubrechen, ohne mich dafür abwerten zu müssen. Denn schon jetzt würde ich wieder mit viel mehr Genuss essen, stellte ich fest.

Nicht einfach nur Durchhalten

Also fing ich an, mir morgens und abends Tee mit Honig einzuschenken, mittags gab es eine klare Suppe. Sofort fühlte ich mich wieder fitter – entscheidend dabei war, dass ich mir das auch zugestand! Und ich hatte kein schlechtes Gewissen, denn schließlich hatte ich ja meine Nahrung wirklich auf ein Minimum reduziert.

Und dann brach sich eine innere Wendung Bahn, wie ich sie nie erwartet hätte, die aber nicht schöner für mich sein konnte: In diesem Zulassen meiner Schwäche fiel im Zeitraum von ein paar Augenblicken die ganze Last des Dogmas „Durchhalten“ von mir.

Ja, ich darf schwach sein!

Es ergoss sich in mir die ganze Bedeutung dieses Fastenexperiments: Das Fasten war nicht mehr etwas, wo es ums Durchhalten ging. Ich wollte es nicht hinter mich bringen, nur um nachher sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Die Essenz der Erkenntnis lag im Eingeständnis meiner Schwäche im Prozess und im Annehmen dieser Schwäche, es vielleicht nicht zu schaffen – ohne mich darin abzuwerten.

Indem ich meine Schwäche in dem Prozess zuließ und nicht weiter auf das Durchhalten des erdachten Programms bestand, stieg plötzlich auch ein neues Freiheitsgefühl in mir auf. Die Bedeutung von Verzichten beim Fasten wurde mit einem positiven Gefühl belegt. Im Weglassen beziehungsweise Minimieren von Nahrung empfand ich auf einmal eine Freiheit, die ich vorher nicht kannte. Statt „Ich kann alles machen“ (essen, trinken, unternehmen, etc.) wurde daraus „Ich kann weglassen“. Ich faste, weil ich es kann. Ich raste, ich bleibe, weil ich es kann. Im Sinne von: Ich darf das tun! Ich bin befähigt und beschenkt, das zu tun! Und das war der eigentliche „turning point“.

Den Spieß umdrehen: Aus einer Schwäche wird Stärke

Das Highlight war: Erst durch das Zulassen meiner Schwäche und das Abweichen vom ursprünglichen Plan war ich dann in der Lage, mein Fasten tatsächlich fortzusetzen! Ich brach nicht ab, sondern gab mich vier Tage lang der bewussten Reinigung hin. Nur eben unter einem neuen, für mich sehr heilsamen Vorzeichen: Nicht unter dem des Zwangs, des Drucks und des Aushaltens – sondern unter dem Aspekt der Freiheit.

Um mein Ziel zu erreichen, musste ich mich also offenbar zuerst von ihm abwenden (Eingeständnis, es nicht zu schaffen), um ihm dann kraftvoll entgegen zu gehen. Mit der Annahme meiner eigenen Schwäche nahm ich den ganzen negativen Druck aus dem „System“ und gab mir den nötigen positiven Spin. Erst dann konnte für mich das Positive im Weglassen überhaupt zum Tragen kommen, konnte ich im Verzicht tatsächlich Genuss empfinden – und war ich letztlich imstande, die kleine Kur „durchzuziehen“.

Die Bedeutung von Freiheit ist für mich seit jener Erkenntnis um eine gewaltige Dimension reicher geworden. Es geht bei weitem nicht nur um eine Freiheit des Tun-Könnens. Unter dem entsprechenden Vorzeichen, das wir uns selbst zu geben imstande sind, können wir das Setzen von Grenzen für unser Handeln als tiefe Freiheit erleben.

Daraus wird für mich klar, dass wir Freiheit anders denken müssen, als wir dies im Allgemeinen tun. Es ist ein sehr positiver Freiheitsbegriff der sich aus der Erkenntnis speist, dass wir in Ausnahmesituationen über uns selbst hinauswachsen können, ob in psychischen, körperlichen oder mentalen Ausnahmezuständen, in kleiner oder größerer Ausprägung.

Ich meine, unser Spielraum „den Spieß umzudrehen“, Situationen zu wenden, anders zu handeln als wir es gewohnt sind, ist bei weitem riesiger, als wir landläufig glauben und auch von wissenschaftlicher Seite attestiert bekommen. Hängt nicht sehr viel davon ab, welchen Möglichkeitsraum wir uns selbst zugestehen?

Auch die aktuelle Corona-Krise ist ein Ausnahmezustand – in größerer Ausprägung. Hier werden wir gerade vielfach auf uns selbst zurückgeworfen, indem wir Gewohntes nicht mehr ausüben können. Unterschied: Die Situation wird uns von außen auferlegt, also durch Zwang. Dennoch lässt sich hier viel darüber lernen, was Freiheit eigentlich für uns ist – und noch bedeuten könnte.

Zu diesem Thema möchte ich Dir unsere „Baum-Meditation“ empfehlen – probier‘ es doch mal aus und spüre, was aktives Nichtstun bedeutet.