Raus aus dem Stress oder: Von der Freiheit, etwas nicht zu tun

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Raus aus dem Stress oder: Von der Freiheit, etwas nicht zu tun
Hey, ich bin ja frei! Foto: Pat Peroni

Wir bringen uns permanent um die eigene Freiheit und überfordern uns damit maßlos. Wie machen wir das eigentlich und wie kommen wir da wieder raus?

Freiheit verbinden wir häufig mit der Möglichkeit etwas zu tun, etwas zu realisieren. Es fühlt sich so an, als ob Freiheit mit einem aktiven Tun-Können im Außen verbunden sei. Das merken wir zum Beispiel im Alltag besonders, wenn wir überraschenderweise nichts zu tun haben. Vielleicht ist ein Termin oder ein Treffen ausgefallen. Und vielleicht ertappen wir uns dabei, dass wir erleichtert darüber sind. Prompt schließt die Frage an: „Hm, ja was könnte ich denn jetzt tun?“ Ohne großes Nachdenken füllen wir flugs die entstandene Lücke.

Dabei merken wir oft gar nicht, wie sehr wir uns durch dieses reflexhafte Handeln selbst begrenzen. Das Beispiel zeigt ein typisches Phänomen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in der wir darauf getrimmt sind, möglichst viele Optionen zu realisieren. Wir nehmen uns gar nicht mehr die Zeit darüber nachzudenken, was uns eigentlich wichtig ist. Wir laufen einfach drauflos.

Beispiel: Wenn Selbstverwirklichung uns stresst

Aktivitäten, durch die wir uns selbst „optimieren“ können, üben auf uns einen besonderen Reiz aus. Das kann Sport und Ernährung sein, wie ich mich in meiner Wohnung einrichte, welche Dinge ich kaufe, wie ich mein Arbeitsleben gestalte oder welchen Partner ich wähle. Dieses Phänomen wird in unserer durchkommerzialisierten Gesellschaft von Marketing und Werbung gerne gekapert. Für jeden Bereich gibt es den passenden Lifestyle, der sich mit passenden Angeboten und Produkten verknüpft. In unseren gesättigten Märkten bemühen sich die Unternehmen nach Kräften, immer neue Bedürfnisse zu kreieren. Unser Wirtschaftssystem lebt davon, dass uns der Status Quo niemals zufriedenstellt.

Omnipräsente Werbung suggeriert, dass wir nicht genügend seien, und daher dieses und jenes noch bräuchten. Doch Vorsicht: Solche Botschaften können am besten bei uns andocken, wenn wir selbst im Zweifel mit uns sind. Sie befeuern nur unser eigenes Gefühl, wir müssten noch viel erreichen im Leben. Es sei nicht gut so, wie es ist – nicht gut genug. Dieses Mangeldenken wird also systemisch gefördert. Doch zugleich sind wir selbst gefragt, uns anzuschauen, was wir wirklich wollen.

Achtsam mit uns sollten wir auch sein, wenn es um das Thema Selbstverwirklichung geht. Das Streben nach sinnvollen Tätigkeiten, der Wunsch, sich vom Beruf zur Berufung hin zu entwickeln, ist wunderbar. Ich bin glücklich zu sehen, wie viele von uns sich auf den Weg machen, ihren Leidenschaften und Träumen zu folgen. Machen wir uns bewusst, dass es auch für dieses Thema einen Markt gibt. Unzählige Angebote für Workshops, Seminare und Coachings für unterschiedlichste Lebensbereiche gibt es da. Das ist klasse! So etwas hat es einfach noch nie gegeben. So viel, was wir entdecken können, machen können, lernen können, um mehr zu uns selbst zu finden. Es ist wichtig, dass wir uns in dieser Vielfalt der Optionen nicht wiederum verrennen sondern wissen, dass am Ende du selbst es bist, die/der weiß, wie es geht, was gut und richtig für dich ist, was du brauchst und vielleicht nicht mehr brauchst.

Von der Freiheit, etwas nicht zu tun

Im reinen Tun-Modus blenden wir etwas Zentrales aus, was den Freiheitsbegriff erst lebendig macht – und uns Menschen vielleicht entspannter:

Was ist mit dem Empfinden, dass es sehr befreiend sein kann, etwas nicht zu tun? Wir haben nämlich auch die exorbitante Freiheit, etwas nicht zu tun. Das als Freiheit zu empfinden und zu begreifen, erweitert unsere Perspektive auf die Möglichkeiten, die wir haben, unser Leben zu gestalten, enorm. Wenn wir Tun und Lassen als zwei Seiten derselben Medaille sehen – der Medaille Freiheit – dann erfahren wir das Weglassen von etwas auch nicht mehr als Begrenzung von Freiheit. Wir haben es dann nicht mehr nötig, das eine dem anderen gegenüber auf- oder abzuwerten.

Mit diesem Perspektivwechsel, den wir uns selbst zu geben imstande sind, können wir zum Beispiel das Setzen von Grenzen für unser Handeln als tiefe Freiheit erleben. Das gilt für unsere Aktivitäten im Alltag genauso wie für politische Entscheidungen mit gesamtgesellschaftlicher Tragweite.

Freiheit definiert sich nicht allein daraus, was wir imstande sind zu tun oder nicht zu tun. Ob wir uns frei fühlen, hängt wesentlich davon ab, mit welcher geistigen Haltung wir auf die Dinge blicken. Im Beitrag „Nicht einfach nur Durchhalten!“ habe ich es so ausgedrückt: Viel hängt davon ab, welchen Möglichkeitsraum wir in uns selbst zulassen. Es geht also um die psychologischen Freiheitsgrade und den mentalen Raum, den wir in uns selbst aufspannen.

Weiß ich, was ich wirklich will?

Das setzt voraus, dass wir uns bewusst sind, was wir wirklich wollen. Wissen wir immer so genau, was wir wollen? Dieses Bewusstsein ist häufig von anderen Wahrnehmungen und Gedanken verdeckt. Unser Blick auf unsere „echten“ Bedürfnisse ist dann nicht klar.

Entspringt das, was wir realisieren wollen, unserem Herzen? Oder ist es etwas, das wir meinen zu brauchen, um uns wertvoller, besser zu fühlen? In letzterem Fall würden wir versuchen, durch ein äußeres Tun einen gefühlten inneren Mangel zu kompensieren – ein Loch in uns aufzufüllen, weil wir meinen, sonst nicht zu genügen. Ich spreche hier natürlich nicht von nötigen und oft lästigen Dingen wie Einkaufen und Wohnung sauber machen. Und auch wenn wir mal eine innere Leere mit Schokolade stopfen, ist das völlig okay. Ich finde, wir sollten das sogar bewusst genießen! Wenn wir es andauernd machen, ohne es uns bewusst zu machen, wird die Leere vermutlich größer und es macht bald keinen Spaß mehr.

Wir sind mitten im Thema innerer Glaubenssätze, Glaubensmuster, Programme und Prägungen, die bei allem mitschwingen, was wir tun. Sätze wie: „Ich darf nicht auffallen“, „ich schaffe das nicht“, „ich bin zu schwach“ oder „ich darf nicht aufgeben“, „ich muss stark sein“. Sind solche Sätze im Hintergrund aktiv, steuern sie unser Handeln reflexhaft. Und reflexhaft heißt eben auch: ohne die Zwischenschaltung unseres Bewusstseins. Doch genau das können wir herbeiführen, indem wir einmal genauer in uns hineinschauen und uns trauen, all die Aktivitäten wegzudenken und sie nicht weiter zu bewerten.

Was bleibt übrig? Worauf habe ich wirklich „Bock“?

Uns diese Fragen zu stellen, kann unseren Blick weiten, wenn wir zum Beispiel gerade in einem Glaubensmuster gefangen sind. Wir ahnen es oft schon, doch sind zu verwickelt, um unser Bewusstsein aktiv ins Spiel bringen zu können.

Sich selbst Fragen stellen hilft, denn Fragen laden automatisch zu einer Erweiterung unserer Perspektive ein und lassen uns geistig in Distanz zu einer Situation gehen. Was brauche ich jetzt? Was fühlt sich gerade gut für mich an? Was passiert, wenn ich das nicht mache? Wir müssen die Antworten nicht immer vorformulieren. Sie kommen auch von allein, vielleicht in Form einer spontanen Eingebung, von Gedanken, Träumen, einer Begegnung oder Ähnlichem.

Wir können alles, wir müssen nichts

Entscheidend ist also nicht, immer alles auf die Beine zu stellen, „schaffen“ zu müssen. Entscheidend ist, unser Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir alles können, aber nichts müssen. Im Kern geht es darum, uns von der Ohnmacht zu lösen, dass wir nicht frei wären in unseren Entscheidungen. Dass wir nur wenige Handlungsspielräume hätten. Das sind die eigentlichen Fesseln im Kopf, die wir uns anlegen.

Es kommt nicht selten vor, dass Menschen glücklicher werden, wenn sie etwas loslassen an dem sie lange festgehalten haben, ohne es je zu hinterfragen. Eine Stimme hat vielleicht immer wieder gesagt: „Du musst das machen, es geht nicht anders“. Sich Fragen zu erlauben wie: „Brauche ich das wirklich? Was wäre, wenn ich es täte oder auch nicht täte?“ kann unsere Wahrnehmung befreien. Du wirst staunen, welche Auswirkungen das haben kann.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Martina

    Hey klasse! Das trifft ja genau auf mich zu gerade🙃 oder auch auf Corona und überhaupt… gut sich immer wieder die eigene Freiheit vor Augen zu führen! Danke ☺️

    1. Pauseline

      Danke liebe Martina, freue mich sehr, dass du was mitnehmen kannst. Ja, ich versuch mich auch immer wieder dran zu erinnern :-).

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